Nachts in der Bibliothek...


Eben noch habe ich friedlich dagesessen und in meinem Buch gelesen. Wie bei eigentlich jedem Familienanlass. Und wie jedes Mal ist meine Mutter wütend die Treppe des alten Herrenhauses meiner Grossmutter hochgestapft und hat mir mein Buch aus den Händen genommen.

  „Lindsey, deine Grossmutter hat heute Geburtstag und du hockst in dieser Gruft hier und liest. Du weisst, dass das kein angebrachtes Benehmen ist, oder?“ Meine Mutter mag keine Bücher. Da ist meine Oma ganz anders.

  „Lass sie doch lesen, wenn sie will, Sandra“, versucht Oma Magdalena meine aufgebrachte Mutter zu beruhigen. „Das ist ja schliesslich kein Verbrechen.“

  „Aber nur, weil Oma es so möchte“, meint Mama säuerlich und stolziert wieder nach unten zum Rest meiner Familie.

  „Mach dir nichts draus“, tröstet Oma mich. Sie dreht sich um und geht langsam aus der Bibliothek. Plötzlich taumelt sie und hält sich an einem Regal fest, einige Bücher fallen heraus und verstreuen sich über den Fussboden. Besorgt renne ich zu ihr.

  „Ist mit dir alles in Ordnung?“, erkundige ich mich fürsorglich und helfe ihr die Treppe herunter. 

Unten angekommen bedankt sich meine Grossmutter bei mir und deutet mit einem Kopfnicken zur Bibliothekstür nach oben. „Husch, husch, bevor du mir noch wegen Lesestoffmangel umkippst.“

Ich grinse und stolpere die hohen Stufen wieder hinauf.

Ach nee, die müssen ja auch noch versorgt werden, denke ich und betrachte den beachtlichen Bücherhaufen, der Oma aus dem Regal gefallen ist. Seufzend mache ich mich an die Arbeit. Vorsichtig stelle ich die Bücher zurück auf ihre Tablare, huste, weil sie mit Staub bedeckt sind. Da fällt mir ein Buch auf, das alt und etwas zerfleddert ist. Vermutlich ist es einmal blau gewesen, jetzt ist es aber eher grau. Es hat weder einen Titel noch ein richtiges Titelbild.

  „Komisch“, murmle ich und hebe es auf. Im Gegensatz zu den anderen hat dieses Buch keine Staubschicht darüber. So lange kann es also noch nicht im Gestell gestanden haben.

  „Eeeeeesssseeeeeeen!“, brüllen meine drei jüngeren Cousins, die ich insgeheim nur Tick, Trick und Track nenne.

  „Komme schon“, schreie ich im selben Tonfall zurück und lege das blau-graue Büchlein auf ein kleineres Regal. Ich muss mir diese Lektüre wohl für später aufheben.

 

*

Nach dem Abendessen muss ich noch einige Spiele ertragen, bis ich mich dann endlich mit einem grossen Gähnen ins Bett verabschieden kann. Aber in Wirklichkeit bin ich überhaupt kein bisschen müde, nicht mal ansatzweise. Ich warte in meinem Bett, lese mit der Taschenlampe und lausche von Zeit zu Zeit, ob sich noch etwas im Haus regt.

Glücklicherweise gehen alle ziemlich schnell zu Bett, meine Cousins begleiten ihren Weg ins Schlafzimmer mit unüberhörbarem Geschrei.

Dann ist alles still. Bemüht, kein Geräusch zu verursachen, öffne ich die alte, aber schön geschnitzte Holztür nur einen Spalt breit und schlüpfe hindurch. Die Treppe knarrt ein wenig, als ich sie barfuss hochsteige, im Haus bleibt trotzdem alles ruhig.

In meiner linken Hand halte ich meine pinkfarbene Taschenlampe, die ich vor Jahren zum Geburtstag bekommen habe. Sie sieht auch dementsprechend aus, aber sie spendet mir genügend Licht.

Die Bibliothekstür steht offen, ich kann ungehindert in das mir so vertraute Zimmer schleichen.

Auf dem Regal liegt immer noch das kleine Büchlein. Neugierig und aufgeregt nehme ich es und tapse zum Sofa am Fenster hinüber. Vorsichtig schlage ich den Buchdeckel auf und versinke in die geschwungene Handschrift auf der ersten vergilbten Seite:

 

14.7.2010

Ich bin zerstört. Meine Tochter ist vor meinen Augen ertrunken und ich habe es nicht verhindern können. Meine andere Tochter hasst mich nun. Hat dieses Leben noch einen Sinn?

 

Erschrocken blättere ich weiter.

 

29.7.2010

Lindsey hat eine Mauer um sich gebaut, sie lässt mich nicht mehr an sie heran. Unsere Beziehung ist zerbrochen. Sie hat aufgehört, mich Mama zu nennen. Hätte ich noch Tränen, würde ich pausenlos weinen.

 

Erst jetzt bemerke ich, dass ich mich wie eine Verrückte am Sofa festklammere, meine Fingernägel haben sich tief ins Polster gegraben.

Das Buch ist definitiv ein Tagebuch.

Ich hatte auch einmal eine Schwester, eine eineiige Zwillingsschwester. Sie war vier Minuten älter als ich. Als wir zehn Jahre alt waren, ertrank sie bei einem Badeunfall. Seither kann ich nicht mehr in den Spiegel schauen, immer sehe ich Carolines Gesicht darin. Nicht meins.

Das Büchlein ist das Tagebuch meiner Mutter, bestimmt. Ich weiss es.

Mit zitternden Händen blättere ich um. Das vergilbte Papier fühlt sich rau unter meinen Fingern an.

 

15.12.2012

Lindsey ist fast nie mehr daheim. Immer öfters ist sie mit ihren Freundinnen unterwegs, auch abends, in der Dunkelheit. Sie ist schon so erwachsen. Und doch noch ein Kind.

Die Welt ist so gross und einsam.

 

Ich schlucke, trocken und leer. Dann schlage ich den Buchdeckel hastig zu.

Ich will nicht mehr lesen. Ich kann nicht mehr lesen.

In der Hoffnung, das alles entpuppe sich als ein Traum, kneife ich die Augen fest zusammen. Aber als ich sie öffne, ist noch alles gleich. Die Bibliothek mit ihren unendlich vielen Büchern. Das Mondlicht, das durch das Fenster in den Raum scheint. Das Buch auf meinem Schoss. Die erdrückende Last dessen Inhalts.

Wie kleine Diamanten, die funkelnd und schimmernd auf das Buch fallen, tropfen Tränen aus meinen Augen. Zuerst sind es nur wenige, dann immer mehr. Lautlos weinend umschliesse ich das Tagebuch mit beiden Armen.

Meine Wangen sind von den Tränen verklebt und mein Pullover ist nass. Ich habe aufgehört zu weinen. Jetzt starre ich, das Tagebuch immer noch in den Armen, zum Fenster hinaus. Im Mondlicht sieht die Landschaft draussen friedlich und sorglos aus. Auf der stillen Oberfläche des Sees spiegelt sich der Mond.

Meine Gedanken sind verschwunden, in meinem Kopf herrscht eine einsame Leere. Um die Kirche, die weit entfernt ein Uhr schlägt, kümmere ich mich nicht. Die Zeit ist mir egal.

Sachte fahre ich mit meinen Fingern über das Buch.

Ich will meine Mutter zurück.

Seit drei Jahren war sie einfach nur irgendeine  Frau, die im Hintergrund für mich sorgte. Sie war bedeutungslos, ein Schatten.

Träge stehe ich auf und tapse zwischen den Regalen hindurch, zum Schreibtisch meiner Grossmutter. Berge von Büchern stapeln sich darauf. Vorsichtig ziehe ich ein Blatt Papier unter einem besonders dicken Wälzer hervor und greife nach einem Stift.

Zögernd und mit zitternder Hand beginne ich zu schreiben:

 

Mama.

Mauern können dick sein, aber nicht unendlich hoch. Man kann darüber klettern. Manchmal gehen Mauern von selbst zu Bruch und dann ist es einfacher, das Dahinterliegende zu erreichen. Ich habe mir eine Mauer gebaut, wie du dir eine gebaut hast. Wir sind prima Architektinnen, weisst du das?

Ich will nicht, dass Carolines Tod uns für immer trennt. Ich brauche dich. Du bist meine Mutter.

Lindsey

 

Ich lege den Stift zurück, falte den Brief und lege ihn auf das Tagebuch. Schweren Herzen verlasse ich die Bibliothek und lege beides vor dem Elternschlafzimmer ab.

Einige Sekunden verharre ich vor der geschlossenen Tür und flüstere die letzten Worte des Briefes vor mich hin. Dann gehe ich zu Bett.

 

*

Der Wind zerzaust meine Haare. Obwohl sich meine Finger wie Eiszapfen anfühlen, bleibe ich auf der Bank am Seeufer sitzen und lese weiter.

Ich bin alleine draussen, eingewickelt in meine dickste Winterjacke. Bei diesem Wetter wagt sich niemand aus dem Haus.

Beim Frühstück hat sich meine Mutter nichts anmerken lassen. Aber das Tagebuch vor der Tür war verschwunden. Und es steht auch nicht wieder in der Bibliothek.

Leise quietschend öffnet sich die Eingangstür und ich schaue auf. Meine Mutter stapft auf mich zu, ein riesiger gelber Schal lässt sie noch kleiner aussehen als sie ist. Langsam setzt sie sich neben mich. Ich rutsche nicht weg.

  „Ich habe deinen Brief gefunden, Lindsey.“ Ich erwidere nichts, starre einfach auf den aufgewühlten See hinaus.

  „Ich habe so vieles falsch gemacht, nachdem Caroline gestorben ist“, murmelt meine Mutter. Es ist befremdend, den Namen meiner Schwester nach so langer Zeit wieder aus ihrem Mund zu hören.

Vorsichtig drehe ich den Kopf zu ihr und schaue sie traurig an. „Es ist nicht deine Schuld. Wir haben uns beide abgeschottet. Wir haben beide Fehler gemacht.“

Sie lächelt. Dann zieht sie etwas aus ihrer Jacke.

Ein Buch, ohne Titel. Mit vor Kälte zitternden Händen hält sie es mir hin.

  „Es ist ein neues. Für einen Neuanfang. Für uns beide“, erklärt sie, als ich die leeren Seiten durchblättere.

Ich ziehe einen Stift aus meiner Hosentasche und schreibe auf die erste Seite einen einzigen Satz:

 

Nachts in der Bibliothek begann unser neues Leben…