Meine Kurztexte


Von Anfängen und Enden…

Wie soll ich nur anfangen… Am Ende weiss ich den Anfang nicht, bin aber schon am Ende. Dann würde der Anfang fehlen und es gäbe zwei Enden! Das wäre mein Ende… Ich sollte wohl besser einmal den Anfang beenden und mit dem Ende anfangen, sonst muss ich noch das Schreiben beenden, bevor der Anfang der Nacht gekommen ist. Gut, hier ist das Ende des Anfangs. Und hier ist der Anfang des Endes. Jetzt bin ich auch nicht viel weiter. Jetzt habe ich zwar den Anfang angefangen und diesen auch beendet, aber mir fehlt das Ende, das ich erst einmal anfangen muss, bevor ich es beenden kann! Ach egal, bevor ich anfange, mein Ende zu dokumentieren, beende ich diesen Text ohne Anfang mit zwei Enden… Ende

 


Tränen wie Wölfe

Tränen sind Wölfe, die in einem viel zu kleinen Käfig gehalten werden, gegen einander ankämpfen und doch miteinander gegen die Gefangenschaft protestieren.

Zugleich sind sie Feuer und  Wasser, heiss, wenn sie über die Wangen laufen, kalt, weil sie die Hitze der Gefühle abkühlen.

Sie sind Freund und Feind, ohne Ursache kommen sie nicht, aber wenn sie da sind, dann befreien sie.

Tränen sind kleine Wunder, Diamanten der Trauer, Kieselsteine der Freude. Nicht mehr und nicht weniger.


Flügel

Das Leben ist wie die Klippe über einer schwarzen Schlucht. Oben, auf der Klippe, wartet die Heiterkeit. Unten, im schwarzen Loch, die Trauer.

Manche wollen mich in die Tiefe dieser traurigen Schwärze schubsen, doch andere halten mich fest.

Und auch wenn sie mich eines Tages nicht mehr halten können und ich stürze:

Ich werde Flügel entfalten und dem Loch trotzen, die Schwärze hinter mir lassen und ans Helle zurückfliegen.

Jeder Schubs, der mich in die Tiefe drängt, stärkt schlussendlich meine Flügel.

Wundert euch nicht, wenn ich fliege. Denn ihr seid es dann gewesen, die es mir beigebracht habt.


Wenn es geregnet hätte.

Eine Nebelwand liegt über dem Dorf und der Wind wirbelt meine Haare auf.

Ich bin allein auf der Bank am Waldrand, wie immer.

Wäre alles anders gekommen, wenn es damals geregnet hätte? Würden sie jemand anderen hänseln, ihn verspotten und auch verprügeln?

Wie so oft denke ich über diese Fragen nach, vergesse dabei die Zeit und mich selbst, bis mir die heissen Tränen auffallen, die über meine Wangen strömen. Obwohl ich sanft die Kirchturmschläge in der Ferne vernehme, bleibe ich sitzen. Ich werde zu spät nach Hause kommen.

Ja, es wäre anders gekommen, bin ich überzeugt und wische mir mit meinem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht.

Damals ist es staubtrockenes Wetter gewesen.

Ein Regentropfen klatscht neben mir auf die Bank und schreckt mich aus meinen Gedanken. Ich erblicke über mir die dunklen Regenwolken und stehe auf. Schaffe ich es vor dem Regenschauer nach Hause oder soll ich bleiben und ihm trotzen, als Strafe für das, was er mir angetan hat?

Langsam setze ich mich wieder.