Ersichtlich


So lange ist der Tag noch gar nicht her, an dem ich den seltsamen Mann getroffen habe. Seltsam, weil er mit völlig unbeteiligtem Gesichtsausdruck durch die schmale Gasse vor unserem Haus geirrt war, in einer Hand eine schwarze Ledertasche.

Auch ich strolchte durch die Gassen, eigentlich auf dem Nachhauseweg von der Schule, wollte aber nicht zu schnell daheim angelangen. Ich hatte eine schlechte Note im Gepäck.

Als ich den Weg des Mannes kreuzte, fragte ich höflich, ob er etwas suche.

„In der Tat“, hatte er geantwortet und seine Schwarze Melone grüssend von der Glatze gehoben. „Ich suche die Angst.“

„Die Angst?“, wiederholte ich mit geweckter Neugier. Bestätigend nickte der Mann.

„Hier wohnt keine Frau Angst“, sagte ich bedauernd und deutete mit einer Hand auf unser Mehrfamilienhaus.

Darauf lachte der Mann laut auf, dieses lachen erreichte aber die Augen nicht.

„Keine Frau Angst, sondern die Angst. Das Gefühl.“

„Wie meinen Sie das?“, erkundigte ich mich verwirrt, erhielt aber keine Antwort. In der Erwartung, das Ende des Gesprächs erreicht zu haben, stieg ich die wenigen Treppenstufe bis zur Tür empor und kramte meinen Schlüssel hervor.

„Hast du sie nicht gesehen, mein Kind?“

Hinter mir stand der Mann immer noch stumm und starr auf der Stelle, die Melone auf dem Kopf, die Tasche in der Hand. Sein Spiegelbild war im Fensterchen der Tür zu sehen.

„Gefühle kann man nicht sehen“, erwiderte ich trotzig, denn mir wurde der Herr zunehmend unheimlich, mein Herz begann zu rasen. „Schönen Tag.“

Ich riss die Tür auf und rettete mich ins Innere des Hauses.

„Danke“, hörte ich den Mann hinter mir noch sagen.

 

Eine Woche später sah ich den Mann erneut in unserer Gasse hin und her stiefeln, die Tasche in der Hand, den Hut auf dem Kopf. Eigentlich hatte ich ihn schon vergessen.

„Tag“, meinte ich rasch, die Haustür im Blick.

„Sei gegrüsst. Hast du die Freude gesehen?“

„Suchten Sie nicht letzte Woche noch die Angst?“

Er habe sie gefunden, antwortete er.

„Wenn Sie das meinen, was man empfindet, wenn einem etwas gefällt, dann kann ich nur wiederholen, dass man die Freude nicht sehen kann. Gefühle kann man nicht sehen.“

In diesem Moment trat eine Nachbarin aus dem Haus, bunt angezogen mit Anorak in grün und Schal in pink, Schuhe in gelb und Sonnenbrille in blau.

Der Schal war ein Geschenk von mir gewesen, für meine Lieblingsnachbarin. Erfreut, dass sie ihn trägt, schob ich einen Fuss in die Tür, bevor sie zufiel.

„Schönen Tag“, knurrte ich zum Mann hin gewandt zu.

„Danke“, rief er, wie er es letztes Mal getan hatte.

Krachend schloss sich die Tür hinter mir.

 

Wieder eine Woche später fand ich den Mann nun schon zum dritten Mal vor unserer Tür herumlungern, Tasche und Hut, wie die letzten beiden Treffen.

„Ich kann Sie wegen Belästigung anzeigen“, drohe ich, sobald er seinen Mund geöffnet hatte, um etwas zu sagen. „Männer wie Sie ziehen in Verhandlungen gegen Mädchen wie mich immer den Kürzeren.“

Er sollte verschwinden. Mehr wollte ich nicht.

„Keines Wegs. Ich möchte deine Zeit auch nicht lange beanspruchen. Aber ich suche die Wut.“

„Gehen sie in die Politik, da gibt’s genug Wut“, grummelte ich und entschwand ins Haus.

„Danke“, klang es mir nach.

Am Fusse des Treppenhauses gefror ich zur Statue. Mich nervte dieses ewige Bedanken für nichts.

Auch wenn ich wusste, dass man möglichen Spannern nicht ohne erwachsene Hilfe ins Gesicht schauen sollte – zumindest nicht in meinem Alter – drehte ich mich um, öffnete die Tür. Noch immer stand der Mann in der Gasse, Tasche in der Hand, Hut auf dem Kopf.

„Wieso bedanken Sie sich andauernd?“

„Weil ich durch dich die Gefühle gefunden habe, die ich sehen wollte. Gefühle kann man nämlich doch sehen.“

Dann lupfte er seine Melone, verneigte sich galant und marschierte mit schwenkender Tasche die Gasse hinunter.

Die Woche darauf war die Gasse leer, als ich von der Schule nach Hause spurtete. Es war gestern.