Ergriffen


Die Welt wird von Idealen regiert. Fotobearbeitungsprogramme verändern unsere Wertvorstellungen und sind nicht selten daran schuld, dass ein Leben aufgrund eines von ihnen erstellten perfekten Bildes endet. Meistens mit Hilfe ihrer Handlanger, den Katalogen, Modezeitschriften und digitalen Medien.

Vor einiger Zeit gestand mir eine Freundin, dass auch sie in diesen Fluss aus reinem Perfektionismus, der sich oftmals hinter einer trügerischen Maske verbirgt, geraten war.

Es war Dezember, kurz vor Weihnachten, dennoch sassen wir neben einander auf der Bank vor dem Haus meiner Eltern.   

  „Weisst du“, murmelte sie, die Augen leer und leblos in die Ferne gerichtet, „den Wunsch, vollkommen zu sein, hat jeder. Die einen mehr, die anderen weniger. Wir sind wie ein Vulkan. Manchmal bricht er aus, zerstört, was er kann.“

Ich weiss noch, wie ich damals einfach nur nickte, obwohl ihre Worte an mir vorbeigeflossen waren. Eigentlich war in diesem Moment die beissende Kälte mein grösseres Problem.

  „Und wenn du das Gefühl hast, die Lava rinne in Form von Tränen deine Wangen hinunter, dann übernimmt die Handschuh-Zeit das Ruder“, fuhr sie fort. Jetzt war ich gebannt, auch wenn ich noch nicht ganz verstand, worauf sie hinauswollte.

Vorsichtig fragte ich, was sie damit meine. Mir war, als spräche ich mit ihrem Hinterkopf, denn sie hatte den Blick auf ihre Knie gerichtet, die dünnen glanzlosen Haare verdeckten ihre knochigen Gesichtszüge. Doch sie versteckten keine Tatsachen.

  „Du versuchst, dich dem künstlichen Ideal in deiner Lieblingszeitschrift anzugleichen. Du kaufst willkürlich Dinge zusammen, die dir besseres Aussehen versprechen. Und das Schlimmste, du…“

Abwartend hob ich eine Augenbraue, was sie natürlich nicht sehen konnte.

  „Einfach nur alles überschminken geht nicht. Denn manche Dinge können auch Make-up und Abdeckstift nicht verschwinden lassen.“

Ein Blick auf ihre zerbrechlichen Handgelenke und ich wusste, wie ihr angefangener Satz vollständig lautete: Du lässt deinen Körper leiden, isst weniger. Oder gar nichts mehr.

  „Pam? Kann ich dir etwas erzählen?“

Ich nickte eifrig. Immer doch, wollte ich sagen, wusste aber, dass ihr dies klar war.

  „Ich muss einfach einmal jemandem die Handschuh-Phase erklären, sonst zerbreche ich endgültig. Dann, wenn du zu fühlen glaubst, ein viel zu enger Handschuh zerdrücke dir die  Hand, wenn du nach etwas Essbarem greifen willst, hast du diese Zeit erreicht. Bei mir dauerte es nicht lange, bis sich der Handschuh in ein Kettenhemd verwandelt hatte. Eines aus purem Zwang, Schmerz und auch aus Enttäuschung über dich selbst. Jedoch breitete sich dieses rasant aus, so dass ich nach kürzester Zeit in einem Ganzkörperanzug steckte, der mir mindestens drei Grössen zu klein schien. Natürlich wollte ich nicht zerquetscht werden und tat das einzige Nachvollziehbare: Ich versuchte, mich dem Anzug anzupassen. Dass sich das Ding zusammenzog, je weniger ich ass, fiel mir gar nicht auf.“

Abwartend betrachtete ich meine behandschuhten Hände.

  „Deshalb trägst du heute auch keine Handschuhe, trotz der klirrenden Kälte“, stellte ich schliesslich traurig fest. „Du hast Angst davor.“

Sie lachte leise. „Erfasst. Ich will nicht, dass ich nochmals so tief sinke. Jetzt schon fehlt mir manchmal der Atem, um weiter zu machen.“

Irgendwie schien es mir unangebracht, etwas zu erwidern wie „Ich glaube fest an dich“, oder   „Wenn du Hilfe brauchst, bin ich da“. Davon würde es ihr auch nicht besser gehen. So schwiegen wir beide, beobachteten weiter entfernt meine Katze Miep, die angewidert durch den Schnee tapste. Diese weisse Masse kannte sie noch nicht.

  „Pam?“, drang die Stimme meiner Freundin zu mir durch, unsicher und gebrochen.

  „Egal, was es ist, ich tu es“, antwortete ich, hoffend, ihr mit meinen Worten Kraft zu schenken.

  „Kannst du mir helfen, den Anzug abzulegen?“

Mit klopfendem Herzen streifte ich meine dicken giftgrünen Wollhandschuhe ab, die ich im Handarbeitsunterricht selbst gestrickt hatte. Wortlos steckte ich nacheinander ihre eiskalten Hände in einen der von mir vorgewärmten Fäustlinge.

  „Das Vorher begann mit einem Handschuh. Ebenso das Nachher.“

Ihre kleine Hand zitterte in meiner, dann liess sie ihren Kopf auf meine Schulter sinken.

  „Ich bin froh, dass zumindest eine von uns beiden stark geblieben ist, während die andere fast schon auf den Tod zu gerannt ist“, flüsterte sie tonlos.

  „Weisst du eigentlich, was dein Name übersetzt bedeutet?“, erkundigte ich mich, im Bewusstsein, dass die Vergangenheit sie wieder zu verschlingen drohte.

In ihrem Schweigen konnte ich die Hilflosigkeit spüren.

Zuerst holte ich tief Luft, dann meinte ich: „Die Starke. Brianna heisst Die Starke.“

Brianna schoss hoch, blinzelte eine Träne aus dem Augenwinkel.

  „Siehst du, wir waren die ganze Zeit gleich stark.“

In ihren Augen sah ich Verstehen aufblitzen.

  „Deine Hände sind sicher schon ganz kalt, wollen wir nicht wieder ins Haus gehen?“, fragte sie schliesslich, ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen.

Zustimmend erhob ich mich und wir stapften Arm in Arm über den unter dem Weiss versteckten Steinplattenpfad.

Da sagte Brianna: „Bald ist Weihnachten, aber dieses Jahr habe ich noch gar keine Kekse gebacken.“

Schneeflocken segelten vom Himmel, landeten wie winzige Wölkchen auf Briannas hellem Haarschopf.

  „Jetzt siehst du wie ein Engel aus“, bemerkte ich. „Komm, wir gehen Plätzchen ausstechen.“

Unverhohlene Abenteuerlust war in der Mimik meiner besten Freundin zu finden, die nur von einem Hauch von Angst getrübt wurde.

  „Ohne Handschuhe“, fügte ich aufmunternd hinzu.

Auf meiner Handfläche schmolz langsam eine Schneeflocke. „Wären meine Hände nicht bloss, könnte ich dieses kleine Wunder der Natur nicht wahrnehmen.“

Mit einem unsicheren Seitenblick zog Brianna einen Fäustling aus, streckte die schmalen Finger dem Himmel entgegen. Während sie tief durchatmete, legte sie den Kopf in den Nacken und liess die weichen Flocken auf ihr eingefallenes Gesicht rieseln.

  „Jetzt hast du zwei Handschuhe ausgezogen“, flüsterte ich.