Eine Welt voller Melodien


Den folgenden Text habe ich vor etwa zwei Jahren geschrieben, er ist im Buch "Grüne Flamingos" von Schreibzeit Schweiz auch schon erschienen! 

Von Weitem ist das Häuschen sehr unscheinbar und es wirkt, als gehöre es nicht in unser modernes 21. Jahrhundert. Efeu hat die Wände erklommen, manche sind schon ganz und gar überwuchert. In Kästen vor den Fenstern strecken weisse und violette Blumen ihre hübschen Köpfe in die Höhe. Aus dem offenen Fenster dringen zarte Geigenklänge zu mir herüber. Ich schleiche mich noch etwas näher an das Häuschen heran, um die Musik noch besser zu hören. Dabei bleibt mein Rockzipfel an einem Ast eines Busches hängen und ich fluche leise. Wieso muss ich nur so tollpatschig sein? Hastig befreie ich mich und lausche wieder der Musik. Bei mir im Waisenhaus haben wir ein Radio. Aber aus den alten Lautsprechern klingt klassische Musik nicht so schön. Zu gerne hätte ich Geigenunterricht genommen, um genauso schön spielen zu können. Aber ein Waisenkind darf das nicht. Es dürfte schon, aber das Geld des Hauses reicht nicht dafür. Und mit meinen plumpen Fingern würde ich sowieso jeden Ton falsch spielen. Eine Träne rollt mir über die Wange und landet im Gras. Die Kirche in der Nähe schlägt acht Mal und ich stelle traurig fest, dass es Zeit zum Heimkehren ist. Seit ein paar Wochen schleiche ich mich täglich aus dem Waisenhaus und lausche der Musik. Denn in diesem Häuschen wohnt und musiziert niemand anderes als der berühmte Violinist Andreas Decelli. Und wie jeden Tag um acht Uhr abends trenne ich mich nur mühsam von der Musik. Als würde Decelli wissen, dass ich da bin, spielt er genau in diesem Augenblick „Time to say goodbye“. Ich lächle. Ja, goodbye und bis morgen.  

Es vergehen nicht einmal drei Stunden, schon stehe ich wieder vor dem Häuschen im Gras. Decelli hat aufgehört zu spielen und liegt nun sicher seinem Bett. Aber ich bleibe trotz der Stille, die Decellis Haus umgibt. Nirgends brennt Licht hinter den Fensterscheiben. Mein Herz klopft stürmisch, als ich mich durch das hohe Gras kämpfe. Ich kauere nun so nah am Häuschen, wie ich es noch nie gewesen bin. Ein Fenster steht offen und auf mich wirkt das wie eine Einladung. Aufgeregt klettere ich ins Innere des mir so vertrauten Gebäudes. Im Halbdunkeln ist es gar nicht so einfach, etwas zu erkennen. Aber die Geige, die auf einem Samtkissen auf einem Tischchen in einer Ecke des kleinen Raumes steht, finde ich problemlos. Hinter der Tür zu Decellis Schlafzimmer höre ich lautes Schnarchen und ich muss unwillkürlich kichern. Der schläft tief und fest, denke ich hoffnungsvoll. Mit ehrfürchtig geweiteten Augen nähere ich mich der Geige. Das spärliche Mondlicht, das durch die Fenster dringt, spiegelt sich auf der lackierten Oberfläche des Geigenköpers. Vorsichtig und mit noch fester klopfendem Herzen zupfe ich an einer Saite. Sie gibt einen Ton von sich, der sich anhört wie ein Miauen einer Katze, der man auf den Schwanz getreten ist. Ich verziehe das Gesicht. Erneut zupfe ich an einer Saite und diesmal klingt es schon besser. Etwas ermutigt, von meinem kleinen Erfolg, klemme ich mir die Geige unters Kinn und versuche sie so zu halten, wie es Decelli immer tut. In die rechte Hand nehme ich den Bogen und streiche sachte über die Saiten. Wieder miaut es. Diesmal aber etwas zu laut. Jedenfalls hört das Schnarchen Decellis auf und ich lege schnell das Instrument hin. Ängstlich klettere ich aus dem Fenster und renne davon.

Am nächsten Abend schlinge ich wie gewohnt mein Abendessen herunter, das heute aus Spinat, diversem Gemüse im Muszustand und irgendwelchen anderen ekelerregenden Zutaten besteht. Mein Magen protestiert in Form von heftigen Bauchschmerzen. Als wir endlich den Tisch verlassen dürfen und unsere sogenannte Freizeit beginnt, rase ich zur Vordertür. Sie steht einen Spalt offen und ich schlüpfe hindurch.  Obwohl meine Kondition nicht gerade die Beste ist, laufe ich zum Häuschen von Andreas Decelli. Ich will die Musik wieder hören. Wie schon etliche Male zuvor verstecke ich mich im hohen Gras. Von meiner jetzigen Position aus, höre ich die Melodien recht schlecht und ich krieche näher an das Häuschen heran. Eine Weile lange höre ich mit geschlossenen Augen dem Geigenspiel zu. Dann, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung, geht die Tür auf und Decelli vor mir. „Komm herein“, fordert er mich freundlich auf. Zuerst zögere ich. Aber er lächelt so warmherzig, dass ich einfach nicht Nein sagen kann und schliesslich ihm in seine vier Wände folge. In seinem Musikzimmer angekommen, drückt er mir die Geige in die Hand und meint: „Ich habe dich gestern gesehen. Und vor einer Woche, im Gras. Ich dachte mir, du hättest Freude daran, wenn ich dir beibringe, wie man spielt.“ Ich umklammere den Geigenhals und nicke langsam. „Das kann ich doch nicht annehmen. Ich kann den Unterricht nicht bezahlen“, flüstere ich leise und traurig. Decelli winkt ab. „Mir ist es Bezahlung genug, wenn du Freude am Spielen hast“, antwortet er und ich lächle freudiger denn je. An diesem Abend lerne ich, wie man rein spielt und die Töne sauber klingen lässt. Um acht Uhr verabschiede ich mich noch zögerlicher, als sonst von der Geige. Im Waisenhaus muss ich den Abwasch erledigen, mit drei anderen Kindern, aber ich bin die einzige, die dabei ununterbrochen grinst. Allerdings nicht wegen des Abwaschs.

Vier Tage später, ich will gerade wieder aus dem Waisenhaus abhauen, da packt mich jemand hart am Arm. „Wohin des Weges, meine kleine Sissi?“, knurrt die Köchin Rosie. Ihre wulstige Hand hält meinen dünnen Arm fest umklammert und mit ihren winzigen Schweinsäuglein starrt sie mich fies. Ich starre erschrocken zurück und schlucke leer. Die letzten Wochen hat mich auch niemand bemerkt. Wieso jetzt plötzlich doch? Auf diese Frage erhalte ich keine Antwort. „Hier haben wir ja den kleinen Ausreisser“, ertönt die barsche Stimme von der Direktorin des Waisenhauses, Eleonore König. Ich habe schon seit meinem ersten Tag im Waisenhaus gefunden, dass der Nachname nicht zu einem solchen Scheusal wie Eleonore passt. „N... n... nirgends“, stottere ich unbeholfen. „Aha“, brummt die Köchin hochnäsig. „Ich wollte nur… etwas.. frische Luft schnappen gehen“, versuchte ich mich herauszureden. Niemand darf erfahren, wohin ich jeden Abend verschwinde! Wissend nickt Eleonore und meint spöttisch: „Seit einem Monat verkrümelst du dich immer um sieben Uhr abends! Nur um Luft zu schnappen? Natürlich! Hältst du uns für dumm, Fräulein?“ Hastig schüttle ich den Kopf. „Dann nimm uns mit“, entscheidet die Direktorin und nimmt meinen anderen Arm. „Nein!“, schreie ich, erhalte dafür aber eine Ohrfeige. Meine Wange fühlt sich an, wie eine Kartoffel, die man zu lange gekocht hat. Heiss und die Haut platzt jeden Moment auf. Was sie bei mir zwar nicht tut, aber schmerzen tut es trotzdem. Nur widerwillig zeige ich den beiden Frauen mein grösstes Geheimnis: Den Ort, an dem ich das Geigenspielen erlerne. Im ersten Moment sind sie baff, als Decelli vor ihnen steht und ihnen erklärt, dass ich, Sissi, seine Schülerin sei. Ich hoffe, ich darf weiterhin spielen. Doch es wird mir verboten. Als Strafe für das Wegschleichen muss ich eine Woche lange den ganzen Abwasch alleine machen. Decelli versucht, es Eleonore auszureden, aber sie bleibt bei ihrer Entscheidung. Traurig trotte ich von dem Häuschen weg, das mir mehr als alles andere auf der Welt ein Zuhause ist. Oder war.

Es vergehen zwei elend lange Tage, an denen ich ausgelacht werde, wegen meiner Liebe zur Musik, an denen ich mehr Zeit fürs Waschen als für anderes brauche. Meine wenigen Freunde, oder diejenigen, die ich für Freunde gehalten habe, zeigen mir nun die kalte Schulter. Ich fühle mich absolut verloren. Dann, ich stehe gerade in der Küche und spüle den letzten Teller ab, taucht plötzlich Eleonore König neben mir auf. „Hole deine Sachen!“, befiehlt sie mir. Ich murmle ängstlich: „Was passiert jetzt mit mir?“ Wortlos packt Eleonore  meine Hand, die immer noch in einem Gummihandschuh steckt, und zieht mich in die schäbige Eingangshalle. „Du wurdest adoptiert“, erklärt sie mir und schubst mich in Richtung Vordertüre. Draussen angekommen entdecke ich Andreas Decelli. „Er hat mich adoptiert?“, frage ich mit leuchtenden Augen. Eleonore nickt. Ich stürze auf den Musiker zu und umarme ihn. „Danke“, flüstere ich ihm zu und er legt einen Arm um mich. „Jetzt kannst du Geige spielen so viel du willst“, flüstert er zurück. Ich winke den anderen Waisenhauskindern, die aus den Fenstern im Erdgeschoss und im ersten Stock schauen. Wir gehen zu seinem Auto, ich winke immer noch.  „Tschüss!“, schreie ich dem Waisenhaus zu und freue mich darüber, es nie wieder sehen zu müssen. Ich weiss, das klingt hart. Aber ich will diesen Abschnitt meines Lebens für immer hinter mir lassen. Denn vor mir tut sich eine neue Welt auf. Eine Welt, die aus verschiedenen Melodien und Tönen, Notenschlüsseln und Geigenkästen besteht. Ich liebe diese Welt jetzt schon.