Die Schachtel der Leere oder die Lehre der Schachtel


Die Geschichte ist alt, sehr alt sogar, und ebenso unbekannt. Sie spielt in einer Zeit, lange bevor die deine und meine begonnen hat. Aber auch wenn es damals nicht halb so angenehm war zu leben, spukten dieselben Probleme durch die Welt.

Das grösste aber stellte der Herrscher selbst dar. Wie in vielen anderen Märchen auch, war er ein raffgieriger, ein ungeduldiger und launischer König, dessen Hunger nach Hab und Gut  anderer nie zu enden vermochte. In den zwielichtigen Gassen und Kneipen wurden Pläne diskutiert, wie er gestoppt werden könnte, denn war er drauf und dran, durch seine unstillbare Gier sein Reich beinahe zu erdrückte. Doch, es ist kaum zu glauben, war es nicht der Gescheiteste oder der Stärkste, nicht die Schönste oder Reichste, die dem König eine Lehre erteilte.

Eines Nachts trafen sich die schlausten und gerissensten Schurken, deren meist hässlichen Antlitze überall gefürchtet waren, in einer kleinen Schenke, welche nur Gestalten der Dunkelheit kannte.

Ihre Treffen waren berühmt und berüchtigt, aber wurde ihnen auch ebenso viel Angst entgegen gebracht. Denn sie fanden nur statt, wenn jemand Unrecht getan hatte, wofür er bestraft werden musste.

Bei jeder Zusammenkunft besetzte der König den Platz des wichtigsten Gesprächsthemas, jedoch endeten die Debatten über seine Bestrafung meist in hitzigem Gefecht, in dem einige der Schurken sogar zum Käsemesser griffen. Nicht selten floss Blut.

Nun, zurück zu besagter Nacht. Hätte sich ein braver Einwohner unter den Anwesenden befunden, so wäre er sicherlich schreiend aus der Schenke, hinein in die regenverhangene Nacht gerannt, denn die Gesichter strotzten nur so von Wut und Kampfeslust.

„Wem etwas Neues eingefallen ist, der vermöge die Hand zu heben!“, verlangte ein Mann mit Doppelkinn. Sein Bierkrug hatte sich soeben zum dritten Male geleert.

Entgegen aller Hoffnungen blieben alle Sitzenden stumm. Anfangs hatten sich noch viele gemeldet, doch bei jedem Treffen sank die Anzahl der angeblich guten Ideen stetig. Inzwischen war jeder noch so erdenkliche Plan aufgetischt und auch wieder verworfen worden, da zuerst unbemerkte Lücken darin aufgetaucht waren.

Aber wäre dies kein Märchen, wenn nicht doch eine einzige Person sich schliesslich doch gemeldet hätte. Auf den ersten Blick erkannte man nicht, wer sich unter der braunen Leinenkapuze verbarg, allerdings klang die Stimme des Unbekannten weise, eine Ruhe lag darin, die nur ältere Menschen besitzen.

„Ich würde gerne mein Glück versuchen“, sagte die Frau, bevor sie ihren grau-weissen Haarschopf entblösste. Ihr  faltiges Gesicht würde den um den Holztisch versammelten Gaunern bis ans Ende ihres Daseins im Gedächtnis bleiben, denn fixierten die haselnussbraunen Augen einen mit grossmütterlicher Freundlichkeit und Wärme, wodurch sie der kalten Farbe des ergrauten Haares widersprachen.

„Was willst du, altes Weib, gegen den König ausrichten? Du siehst nicht danach aus, als wärest du für diese Aufgabe geeignet, bedenke doch deine geschwächten Knochen“, grölte ein anderer Schurke, mit der Faust zur Untermalung seiner Worte auf den Tisch schlagend.

Nur teilte die alte Frau seine Meinung nicht. „Ich bin vielleicht nicht so gerissen und gemein wie ihr, habe weder so viel Geld wie ihr das Eure nennen könnt. Wartet bloss ab. Ihr werdet schon sehen.“

Unter dem spottenden Gelächter verschwand die Frau.

Mehrere Tage lang ward sie nicht mehr gesehen. Bis sie an einem sonnigen Sonntag durch die gepflasterten Strassen hetzte, ein Bündel fest umklammernd. Erst als sie den Marktplatz erreicht hatte, drosselte sie ihre Schritte. Den Kopf gesenkt, aber das Bündel offen in ihren Armen, bahnte sie sich einen Weg durch die geschäftigen Marktfrauen. Viele Leute fragten sie nach dem Päckchen, jedoch erhielten sie alle dieselbe Antwort: „Dies ist alles, was ich brauche, um reich zu sein.“

Natürlich machte die Geschichte der reichen Armen sofort die Runde, wenige Tage darauf kannte sie jeder in diesem Dorf und mancher aus der Umgebung. Einige schüttelten den Kopf, wenn ihnen zum dritten Male von der alten Frau erzählt wurde, andere glaubten, sie sei eine Hexe. Als die Nachricht dem König zu Ohren kam, entbrannte in ihm der Neid. Obschon er mehr als genug Gold besass, gelüstete es ihn, dieses geheimnisvolle Bündel zu besitzen. Mit dem Befehl, ihm dieses zu beschaffen, schickte er seine besten Ritter aus, die das gesamte Königreich durchpflügten, auf der Suche nach der Frau.

Einer spürte sie in ihrer kleinen Hütte im grössten Tannenwald auf dem höchsten Berge auf. Mit einem Lächeln auf den Lippen übergab die Grauhaarige dem Mann in der Eisenrüstung das Bündel, ohne sich zu wehren. „Möge es ihm das sein, was es mir war“, murmelte sie, strich mit den Fingern sachte über den groben Stoff, der seinen Inhalt von den Augen anderer versteckte.

Seinem König treu ritt der Mann schnellsten Weges zum Schloss zurück, welches auf einer Klippe über einem türkisen See thronte, den goldenen Strahlen der Sonne direkt ausgesetzt. In seiner Ungeduld und Gier riss der König das Leinentuch augenblicklich auf, sobald er es in den Händen hielt. Zu Tage beförderte er eine schlichte Holzschachtel, die in des Herrschers Augen nicht einmal schön genug für die schimmelnden Überreste der Küche war. Enttäuscht, sogar etwas wütend, warf er das Kistchen auf den steinernen Boden des Ballsaales, worauf ihr Deckel aufsprang und abertausende Goldmünzen sich über seine Füsse ergossen. Der Schwall des Reichtums schien niemals versiegen zu wollen, die im Kerzenlicht schillernden Goldstücke füllten den Saal bis in die Ecken.

„Sie hatte Recht!“, jauchzte der König, fasste nach der Schachtel, womit er dem Geldsegen ein abruptes Ende setzte. Von seinem Schatzmeister persönlich liess er das kostbare Stück bewachen.

Jahre vergingen, in denen er sein Gold verprasste, des Königreichs Zustand besserte sich immer schneller, da er glaubte, die glitzernde Flut jeden Moment wieder hervorrufen zu können.

Eines Tages aber, der König bereitete gerade ein Dinner für benachbarte Adelsleute vor, als ihm der Schatzmeister aufgeregt erklärte, dass sein angeblich unerschöpflicher Reichtum nur noch aus einem einzigen Ring aus Silber bestünde.

Ungläubig liess der König den armen Mann in den Kerker werfen, doch wollte er sich dennoch selbst überzeugen. Beim Anblick seiner leeren Schatzkammern erlitt der verschwenderische Herrscher einen Nervenzusammenbruch, obwohl es das Wort dazumal noch gar nicht gab.

Noch immer unter Schock stehend, liess er die Schachtel holen, doch als er versuchte, ihren Deckel zu öffnen, scheiterte er kläglich. Die Schachtel schien fest verschlossen. Wutentbrannt schleuderte der König sie an die Wand, aber auch diese Tat half ihm nicht weiter. Er liess den stärksten Mann des ganzen Reiches kommen, aber sowohl er als auch der Magier, der sich schlussendlich als Scharlatan entpuppte, mussten erschöpft aufgeben. Niemand war der Schachtel gewachsen, nicht einmal, nachdem mehrere Pferde darüber galoppiert waren, hatte sie einen Kratzer erlitten.

So sass der König, die Stirn in tiefe Falten gelegt, auf seinem Thron. Vor ihm stand die kleine Truhe, schlicht wie eh und je.

Urplötzlich vertrieb eine Gestalt in schwarzer Kutte die angespannte Stille im Saale, als sie beinahe lautlosen Schrittes vor den Herrscher trat. „Wäret ihr klug, so hättet ihr mit dem Gelde die Pflanzen des einen Reichtums gesät und könntet nun die Früchte ernten. Jedoch wart ihr dumm, gar töricht. Zwar seid ihr bettelarm, aber dieses Schicksal ereilte auch euer Reich, allerdings seid ihr nun offen für anderen Reichtum.“

Mit diesen Worten schlossen sich ihre eindeutig weiblichen Finger um die Schachtel. Der König rief die Gestalt nicht zurück, obwohl sie ihm genug Zeit dafür gab.

Von den Worten der schwarz gekleideten Unbekannten verwirrt, strebte der König seinen Garten an, dessen Hecken und Büsche schon längstens aus dem Schnitt gewachsen waren. Die Rosenranken wucherten über Mauern und Wände, hatten die edlen Statuen in den Beeten bis zur Unkenntlichkeit eingewickelt. Auf den Bäumen hatten Vögel zu nisten begonnen, jetzt, da nicht mehr ein Gärtner inständig an den Ästen herumschnipselte. Das goldene Licht der Sonne spiegelte sich in der glatten Oberfläche des Schlossteiches.

All die Schönheit der Pflanzen, der Tiere, stach dem König ins Auge, spitz wie ein Rosendorn. Denn die Natur war reich, reich an Prunk und Geschmeide aus Farben. Die Verteilung schien ihm ungerecht, doch war ihm  nicht bewusst, welchen Unterschied zwischen ihm und der Natur lag. Sein Umgang mit dem Gelde ähnelte nicht dem der Natur.

Bis ans Ende seiner Tage sah er nicht ein, dass er sich die Schuld selber zuschreiben musste, dass alsbald ein ferner Fürst seinen Posten einnahm und dem Lande den Herrscher gab. Denn glaubte er, die Schachtel habe ihm dieses Schicksal beschert, aber seinen eigenen Fehler nahm er nicht wahr.

Natürlich war unter der schwarzen Kutte die alte Frau versteckt gewesen, die so wieder zu ihrem Eigentum gelangt war.

„Hätte er die Schachtel umgedreht“, sprach sie, „hätte er die Schrift entdeckt: Einmal öffnen, du bist reich. Keinmal öffnen, du bist reicher.“

Nie hatte die alte Frau den Schachteldeckel angehoben, nie einen Blick riskiert. Wurde sie auf die Schachtel angesprochen, zwinkerte sie. Im Wissen, die Schachtel jederzeit öffnen zu können, lebe sie bescheiden, aber glücklich. Ihr innerer Reichtum habe ihr bisher mehr gegeben als das vergängliche Gold der Schachtel es tun könnte.