Die Magie des Lebens


Lieber Leser, wer auch immer du sein magst

 

Wahrscheinlich wirst du diesen Brief gleich wieder aus der Hand legen. Dann wirst du deine Gründe haben, nicht viele interessieren die Worte einer bedeutungslosen Fünfzehnjährigen.

Wenn du es doch tust, dann danke ich dir von ganzem Herzen, dass du meinen Gedanken kurz deine Aufmerksamkeit schenkst. Es sind jene einer Toten, wie du vielleicht bereits vermutet hast. Ich weiss nicht, wann du auf dieses Niedergeschriebene gestossen bist, aber es wird zweifellos zu einem Zeitpunkt sein, an dem ich mich schon längst in des Todes Gemäuer begeben habe.

Doch sicher findest du meine Gedanken nicht wirklich aussergewöhnlich. Ich bin es auch nicht gewesen, glaube mir, und bilde am Ende des Briefes deine eigene Meinung über mich.

Dieses Papier ist praktisch ein Ebenbild meinerseits, unscheinbar und dünn. Doch im Gegensatz zu mir ist es nicht fähig, krank zu werden. Ja, ich bin krank. Todkrank, um genau zu sein. Erschrecke nicht, obwohl, du wirst es sicher nicht getan haben. Krankheit gehört ja inzwischen zum Alltäglichen.

Wieso ich ausgerechnet einen Brief ohne den Namen dessen, der ihn erhalten wird, geschrieben habe, solltest du selber herausfinden. Doch was ich in den letzten Wochen meines Lebens erfahren habe, will dir bald verraten sein.

Jeder sucht. Manche tun es unbewusst, andere sind sogar berühmt dafür, wieder andere suchen Alltagsgegenstände, zum Beispiel Schlüssel und Mobiltelefone. Keiner der drei Kategorien gehöre ich an. Meine Suche hatte nicht begonnen, weil ich irgendetwas entdecken wollte, das mich schlagartig weltberühmt macht. Eigentlich war ich nur darauf aus, die Magie des Lebens zu finden. Das mag jetzt überheblich klingen.

An dieser Stelle muss ich bemerken, dass ich diese Magie gefunden habe. Zumindest glaube ich, soviel davon erlebt haben zu dürfen, wie ich benötigte, um meine Erlebnisse als aussergewöhnlich zu bezeichnen. Nicht jeder, so denke ich, kann dies von sich behaupten.

Natürlich werde ich dir jetzt keinen Tagebuch-Eintrag liefern, es gäbe keinen Grund, diesen für mich schönsten Moment meines kurzen Lebens in die Worte eines einfachen Berichtes zu packen. In mir würden Schuldgefühle erwachen.

Der Beginn der Magie kam, merkwürdiger Weise, mit meiner Diagnose. Mir waren wenige Monate prophezeit, ich konnte sie an einer Hand abzählen. Mit einem herumliegenden Filzstift kritzelte ich mir die Zahlen auf die Finger, den Namen des dazugehörigen Monates darunter. Es war mein ganz persönlicher Kalender, einer, der nur für mich galt. Und irgendwie löste die krakelige Schrift auf meinen bleichen langen Fingern etwas aus, das mit Worten, Sätzen, gar seitenlangen Texten nicht zu beschreiben wäre. Plötzlich erwachte in mir der Wunsch, ein Wunder zu erleben. Wohlgemerkt, ein reichlich grosser Wunsch.

Zwei Tage, nachdem ich dieses Verlangen in mir verspürt hatte, erzählte ich meiner Schwester davon. Sie ist schon erwachsen, schien mir aber von allen meinen Bekannten immer am nahsten zu stehen, meine Handlungen am ehesten nachvollziehen zu können.

Als ich meinen Wunsch geäussert hatte, strich sie mir über das immer dünner und spärlicher werdende, eigentlich haselnussbraune Haar, das sich wegen der Medikamente nach und nach von mir verabschiedete.

„Wenn du daran glaubst“, hatte meine Schwester danach gesagt, „dann wird es auch geschehen.“ Dann legte sie mir ein Handy aufs Kopfkissen, verabschiedete sich mit der Bitte, sie anzurufen, wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen würde. In ihren Augen erblickte ich ein Funkeln, welches ich noch nie zuvor gesehen hatte. Es drückte Trauer, Schmerz, Freude und Liebe zugleich aus.

Nach dem ersten Besuch meiner Schwester vergingen nur vier Tage, dann erschien sie wieder in meinem kahlen kleinen Krankenzimmer. Zum dritten Mal kam sie eine Woche später. Innerhalb des nächsten Monates bekam ich sie regelmässig zu Gesicht. Jedes Mal wirkte sie aufgeregter, ihr Lächeln mystischer. Ich fragte mich, was sie in eine solche Stimmung versetzte, doch wenn ich nachhakte, zwinkerte sie und hielt sich den Zeigefinger vor die geschlossenen Lippen.

Mit einem roten Marker strich ich die erste der inzwischen mehrmals nachgezeichneten Zahlen auf meinem Finger durch. Dann war ich wieder im Stande, in einem Rollstuhl aufrecht zu sitzen.

Aufgeregt hatte ich meiner Schwester mitgeteilt, dass sie mich abholen konnte. Auch wenn sie auf den ersten Blick zierlich und gebrechlich wirkt, in ihr steckt sehr viel Kraft. Ohne das Gesicht zu verziehen hob sie mich aus dem Rollstuhl, setzte mich behutsam auf den Beifahrersitz.

Sowie sie den Motor startete, das Vibrieren des zum Leben erweckten Wagens unter mir einsetzte, begann mein Herz schneller zu klopfen. Einem Tier, welches seit langem wieder einmal aus dem Käfig darf, muss es genauso ergehen.

„Wohin fahren wir?“, schoss es aus mir heraus, unverhohlene Neugier in der Stimme, wie es sonst nur bei sehr kleinen Kindern zu hören ist.

„Du wirst es sehen“, antwortete meine Schwester sanft lächelnd und setzte den Blinker. Zwar dauerte die Fahrt nicht lange, aber ich schaffte es, innerhalb weniger Minuten den Radiosender ungefähr 30 Mal zu wechseln, weil mir das laufende Lied nicht gefiel.

Langsam drosselte meine Schwester das Tempo und bog von der Autobahn ab. Nun schob sich ein riesiges Gebäude in mein Sichtfeld.

„Der Flughafen“, stellte ich mit grossen Augen fest. Das freudige Lachen meiner Schwester war Musik in meinen Ohren, es klang glockenhell. Wie eine Elfe.

Schon mehrmals hatte ich mich dabei erwischt, wie ich meine Schwester mit einer Elfe oder Fee verglich. Jedes Mal musste ich zugeben, dass der Vergleich berechtigt war.

„Wieso sind wir hier?“, bohrte ich und hopste vergnügt auf dem Sitz auf und ab. Jedoch blieb mir meine Schwester eine Erklärung schuldig.

In der Tiefgarage bugsierte sie mich wieder in den Rollstuhl, richtete die rosa Mütze auf meinem blanken Kopf. Angeblich entdeckte sie bei dieser Handlung sogar ein nachgewachsenes Haar, doch ich tat so, als würde ich ihr glauben.

Nachdem wir den Fahrstuhl im Erdgeschoss wieder verlassen hatten, rempelten wir jeden zweiten Passanten an, denn mit dem Rollstuhl geschickt durch die Menge zu pflügen war sehr schwierig. Eigentlich hatte ich es mir einfacher vorgestellt.

Es dauerte ein Weilchen, bis wir uns zu einem Gate durchgezwängt hatten, welches, dem Gemurmel meiner Schwester nach, unser Ziel war.

Ich weiss noch, wie ich „Wir werden fliegen?“ quietschte, Freudetränen in den Augen.

Als ich das letzte Mal geflogen war, hing ich an einem Tropf, wurde künstlich beatmet und meine Familie musste den Mallorca-Urlaub abbrechen. Kurz: Ich verschlief den Flug, die Aussicht und das prickelnde Gefühl beim Start.

Die Wartezeit verging wie ein Fingerschnippen. Bald passierten wir die Zoll-Kontrolle, ich musste wackelig durch den Metalldetektor wanken. Erst, als wir schon auf unseren Plätzen sassen, durchflutete mich das Gefühl des Glücks komplett. Jede Sekunde des Fluges genoss ich, sogar das Geschrei mehrerer Kinder drei Reihen weiter vorne konnte meiner Laune nichts anhaben.

„Gefällt es dir?“, erkundigte sich meine Schwester zärtlich. Begeistert nickte ich, starrte auf die im Sonnenlicht glitzernden Oberflächen der Seen unter mir. Jeden Teil der Landschaft, mochte er noch so unauffällig sein, sog ich in mich auf. „Es ist wunderschön“, flüsterte ich, gebannt vom Strahlen der Sonne am Horizont. Mein Blick wanderte über die Berge und Täler, glitt über Flüsse und Dörfer. Auch wenn es merkwürdig klingen mag, mir fiel dazu ein Buch ein, welches ich vor mehreren Jahren verschlungen hatte. Darin zog die Hauptperson in einem Gebiet umher, das ich mir genauso vorgestellt hatte. Unter mir lag das Land meiner Fantasie. Mir war, als blinzelte die Sonne mir zu, während ich ihre erdbeerroten Strahlen bewunderte.

Ich suchte die Magie des Lebens. Hier stiess ich auf ihre Schönheit.

Später übermannte mich die Müdigkeit und ich versank im Reich der Träume. Wie wir das Flugzeug verliessen bemerkte ich beinahe nicht.

Mehrere Stunden darauf fand ich mich in einem kleinen Hotel wieder, mein Kopf lag auf einem riesigen Federkissen. Neben mir döste meine Schwester, sie trug noch die Kleider vom Vortag.

„Aufwachen“, wisperte ich leise, denn laut der Uhr an der Wand des Zimmers war schon ein grosser Teil des Tages vergangen. Sie schlug die Augen auf, lächelte mich an.

„Bereit für ein Wunder?“

Liebevoll schaute ich sie an.

 

Voller Staunen stellte ich fest, dass das versprochene Wunder offensichtlich auf einem Pferdehof versteckt war. Aber erst, als ich schon auf dem warmen Rücken eines gefleckten Ponys hockte, erklärte mir meine Schwester, wieso wir mit einem klapprigen Mietauto eine halbe Stunde Fahrzeit auf uns genommen hatten. Denn dieser Ponyhof war, schenkte man den Worten meiner Schwester Glauben, einzigartig und ein Kunstwerk der Ideen.

Verständlicherweise pochte mein Herz stark, sowie ich die schwarze Augenbinde um den Kopf geknüpft bekam.

„Du musst versuchen, deine Umwelt mit den Ohren zu erkunden“, wies mich die Frau  an, welche das Pony an die Zügel nahm, auf dem ich hockte. Anfangs zog ich die Augenbrauen zusammen, mich schon vom Tier fallen sehend. Doch während des Ritts begann ich zu verstehen, was sie gemeint hatte. Durch die Schwärze der Binde wurde mir der Kontakt zu jeglicher Sicht versperrt, doch die Geräusche um mich herum verrieten mir immer, wo wir uns befanden. Im Wald lauschte ich dem beruhigenden Rascheln der Blätter, dem aufheiternden Pfeifen der Vögel. Diese Geräuschkulisse war wahrlich wundervoll. Unter den Hufen des Ponys konnte ich den Kies knirschen hören, das Gras, welches niedergetrampelt wurde. Mir war, als könnte ich eine Wiese riechen, auf deren grünem Antlitz herrliche Blumen blühten.

Bis die Frau mich anwies, das Tuch abzunehmen, war eine kleine Ewigkeit vergangen. Gehorsam band ich den schwarzen Stoff los und blinzelte in die Sonne, deren Strahlen mein Gesicht in goldenes Licht tauchten, meinen im Krankenhaus blass gewordenen Armen das kränkliche Weiss raubten.

Mitten auf einem Felsvorsprung waren wir zum Stehen gekommen. Ich fühlte mich dem Luftreich so nahe, mich mit den Vögeln so verbunden, dass ich glaubte, von der Klippe springen zu können und zu fliegen. Einen Moment lange war ich versucht, dies auch zu tun, doch die Vernunft drosselte meinen Übermut.

Als könnte ich den Wind umarmen, schmunzelte ich. Neben mir sass meine Schwester auf ihrem Pony, einem nachtschwarzen mit dicken kurzen Beinen. Ihre Augen hatte sie verschlossen. Urplötzlich schlug sie die Lider auf, ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

„Das Wunder der Natur“, lachte ich und sah, wie eine Welle der Fröhlichkeit über das hübsche Gesicht meiner Schwester huschte.

Nun hatte ich zwei Puzzleteile der Magie des Lebens gefunden.

 

Auch auf dem Rückweg wollte ich die Augenbinde tragen. Die Welt erschien mir friedlicher, wenn ich sie nicht sah, das Unheil und Krankhafte aussperrte, indem ich meine Sicht in tiefe Schwärze tauchte. Ich versteckte mich vor der Realität, wie mir später einfiel.

Sobald ich den Teer unter den Wanderschuhen der Führerin erahnen konnte, knotete ich das Tuch auf. Wenig später hob mich ein Mann in den Vierzigern vom Rücken des Ponys in meinen Rollstuhl.

„Danke“, sagte ich, meinte aber nicht nur die Hilfe beim Absteigen. „Dürften wir uns noch die Pferde ansehen?“

Innerlich jauchzend über das freudige Nicken des Mannes, versuchte ich, meinen Rollstuhl zu bewegen. Doch ich brachte es alleine nicht fertig.

Während ich mit ausholenden Handbewegungen meiner Schwester berichtete, welche Empfindungen dieser Ausflug in mir geweckt hatte, rollte sie mich hinter den Ställen hindurch zur saftig grünen Weide. Jede Färbung von braun, schwarz und weiss war darauf vertreten.

„Sie sind so schön, nicht wahr? So frei.“

Stumm stimmte ich ihr zu. Weil er so laut schrie, lenkte er meine Aufmerksamkeit auf sich. Er, ein junger Mann, ungefähr so alt wie meine Schwester, trieb mit einer Peitsche ein schneeweisses Pferd an. Die wehende Mähne des Tieres sah ungekämmt aus, nicht so sauber wie die Frisuren der anderen Pferde.

„Bitte bring mich dahin“, bat ich meine Schwester leise. Mein Bauchgefühl wies mir den Weg.

Offenbar war dem Mann noch nicht aufgegangen, dass er das Pferd mit der klatschenden Peitsche, die in unregelmässigen Abständen auf den Boden knallte, dabei Staub aufwirbelnd, nur erschreckte.

„Will er es zähmen?“ Bitter grinsend rüttelte ich an dem eisernen Gittertor, das wir erreicht hatten und uns den Zugang zum runden Platz dahinter versperrte.

Wiehernd bäumte sich das Pferd auf, in dem Laut spiegelte sich seine Angst wider. Dann galoppierte es erneut hin und her, versuchte den Peitschenhieben auszuweichen.

In mir erwachte das Mitleid mit diesem gehetzten Tier. Ganz offensichtlich war es ein Wildpferd, dem Gemurmel des Möchte-gern-Zähmers ein sehr bockiges, vielleicht sogar gefährliches.

Nach einigen Minuten verlangsamten sich die Schritte des Pferdes, es hatte keine Energie mehr. Da fiel sowohl der Blick des Trainers als auch des ausgezehrten Tieres auf mich. Wie ein eisblauer Blitz trafen mich die Augen des Pferdes und innerhalb weniger Sekunden glaubte ich, seine Gefühle darin sehen zu können. Angst, Sehnsucht nach Freiheit, den Wunsch, an einem anderen Ort zu sein. Fast war mir, als würde ich diese Dinge selbst fühlen. Für kurze Zeit sah ich das Tier nicht, ich war es. In meiner Brust schlug mein Herz so stark, dass ich fürchtete, es spränge aus mir heraus, laufe davon wie ein Wildpferd. Hoheitsvoll schritt das Pferd zum Tor, senkte den Kopf, sowie ich die Hand ausgestreckte.

„Nimm sie zurück!“, befahl meine Schwester energisch, ihre Finger schnellten nach vorne, versucht, die meinen zu ergreifen.

„Es beisst!“, warnte mich der Mann auf dem Platz. Er hätte mir genauso gut auch drohen können, es hätte keinen Unterschied gemacht. In seiner Stimme steckte so viel Freundlichkeit wie ein Lehrer ausstrahlte, wenn er einem Klatschmaul zum gefühlten tausendsten Mal das Reden verbieten musste.

Jedoch liess ich mich nicht beirren. Aus einem unerklärlichen Grund wusste ich, dass dieses prächtige Geschöpf mir nichts anhaben würde.

Zögernd näherte es sich, berührte mit seinen Nüstern meine kleine Hand. Zitternd strich ich ihm über die Stirn, dabei wagte ich kaum zu atmen. Die schwarzen Flecken rund des linken Auges hatten die Form von Tränen.

„Nicht weinen“, flüsterte ich, mir bewusst, dass diese Zeichen der Traurigkeit nur aus Fell bestanden. Doch das Pferd wirkte danach um einiges glücklicher, die Flecken wie Lachtränen.

Um mich herum waren alle lauten Geräusche verebbt. Niemand gab einen Ton von sich.

Zufrieden schnaubte das Pferd, während es seinen Kopf an meine Finger presste. Ich erkannte das Verlangen nach Verständnis und Fürsorge.

„Das ist unglaublich“, hörte ich den Mann murmeln, Ehrfurcht lag in seinen Worten, hatte seine Gesichtszüge erweicht.

„Würden Sie mir erlauben, es zu reiten?“, erkundigte ich mich hoffnungsvoll. Widerstrebend schüttelte der Mann den Kopf, entschuldigte sich und band dem Pferd ein Halfter um. Solange ich es streichelte, wehrte es sich nicht gegen die Fesseln um seinen Kopf. In dem Augenblick, in dem es fortgezogen wurde, schlug es aus und riss dem Mann das Halteseil aus der Hand. Wieder forderte es Streicheleinheiten von mir.

Mit all meinen Kräften rüttelte ich an dem Gitter, bis es knackte und ich es öffnen konnte. Neue Energie schaltete sich in dem Tier frei, es drängte sich durch den Spalt zwischen Tor und Gatter.

Sanft nahm ich es am Halfter. Währenddessen hatte meine Schwester meinen Rollstuhl gepackt und schob mich zu den Ställen, das Pferd führte ich neben mir her. Nie machte es Anstalten, davonzurennen oder zu bocken. Während des ganzen Weges trottete das majestätische Tier ergeben neben mir her, wie ein treuer Freund. Überwältigend tief war die Verbundenheit, die ich für es empfand.

„Nun müssen Sie gehen“, meinte der Mann streng, sobald die Tür der Box ins Schloss gefallen war.

„Nein“, schluchzte ich schwach. Ich wollte noch nicht weg. Doch durfte ich mich seinen Befehlen nicht widersetzen. Im Gegensatz zu mir hatte er hier etwas zu sagen. Also verliessen wir den Hof.

 

Vielleicht hast du, lieber Leser, erfasst, was ich dir zeigen wollte.

Ich habe mein Wunder erlebt, meine Magie gefunden.

Wäre es mir zugestanden, jemanden Ratschläge zu erteilen, so hätte ich ihm etwas immer und immer wieder gesagt: Lebe!

Auf meiner Suche ermöglichte es meine Schwester mir, nicht an die Zukunft, die für mich nicht wirklich existierte, zu denken. So erhielt ich den magischen Blick, wie ich ihn nenne. Nun lag meine Aufmerksamkeit bei den kleinen, beinahe schon unscheinbaren Dingen des Lebens. Das Pfeifen eines Vogels zum Beispiel, oder die Geborgenheit, die man verspürt, wenn ein starkes, stolzes Pferd neben einem her trabt. Die Strahlen der Sonne, die ihr helles Licht auf den Bergen verbreiten, so dass diese wie pures Gold wirken, oder die Tatsache, dass, wenn man es benötigt, immer irgendwo eine Person darauf wartet, dir zur Seite zu stehen und zu helfen. Gehst du nächstes Mal in einem Wald spazieren, dann geniesse die offensichtliche Lebensfreude zwischen den Zweigen, versteckt im Unterholz und verborgen in einem Nest. Oder die Liebe, die jedem von uns entgegengebracht wird. Man muss nur für sie offen sein.

Das, was du besitzt, ist wunderbar, egal wie es anfangs erscheint. Du musst nur zusehen, dass du es nicht zum Alltäglichen machst. Dann wirst du, genauso wie ich, ein neues Blickfeld erhalten.

Nun bin ich wieder zu Hause, liege in meinem Zimmer herum und warte auf die tägliche Ration Hörspiele meiner Mutter. Ich weiss, dass der Tod sich bald meiner Seele bemächtigen wird, doch ich kann behaupten, ein wunderschönes Leben gehabt zu haben. Und auch wenn manche es bloss als halbes Leben betrachten, ich bin stolz, ein solches bekommen zu haben und dass ich Magie kennenlernen durfte. Vielleicht klingt es für dich, lieber Leser, ungewöhnlich.

 

Ich merke, mir schwindet die Kraft, den Stift zu halten. Lieber Leser, ich danke dir. Dafür, dass du meine Geschichte verfolgt, an meiner Suche nach einem Wunder, der Magie des Lebens teilgenommen hast.

Vergiss mich bitte nicht. Und wenn du jemals auf einem Reiterhof ein Tier siehst, dessen Flecken um das linke Auge Tränen gleichen, dann tröste es bitte für mich. Tröste mein weinendes Pferd.

 

Deine Scripta