Der Junge ohne Namen


Weiss. Kein elegantes Weiss, wie jenes des Schnees. Kaltes Weiss, so weiss, wie Krankenhausdecken sein können.

„Würdest du uns schildern, wie es für dich war?“, holt mich eine tiefe Arztstimme aus meinen Gedanken.

„Ich täte es, wenn ich es könnte. Aber es ist unbeschreiblich.“

Nickend verabschiedet der Mann sich, beim Hinausgehen raunt er einer Schwester zu, ich bräuchte Ruhe.

„Nahtod-Erfahrungen erschöpfen.“

Am liebsten hätte ich dem Arzt eine Ohrfeige verpasst, obwohl ich meine Arme nicht mehr spüre vor Müdigkeit.

Vor meinem geistigen Auge ziehen die Bilder der letzten Tage vorbei – wie viele sind es eigentlich?

Meine beste Freundin, die auf einer Bahre weggetragen wird, regungslos und totengrau. Die Ärzte, die mir mitteilen, dass ich nie wieder gehen werde, deren Gesichter aber nicht einmal halb so viel Mitgefühl zeigen, wie sie angeblich mit mir haben. Der Rollstuhl, der neben meinem Bett auf mich wartet, mir aber wie ein lautloser Spott erscheint.

Auf meinem Bauch liegt die Zeitung von heute, die Totenanzeigen sind aufgeschlagen. In der Mitte der Seite prangt der Name meiner besten Freundin. Neben den Beinen habe ich auch meine zweite Hälfte verloren.

Luft, ich brauche Luft!

Schon will ich aufstehen, als mir die beiden Stummel wieder einfallen. Zum Gehen braucht man Beine, doch habe ich die nicht mehr. So bleibe ich liegen, lasse mich von den Weinkrämpfen durchschütteln.

Es klopft leise an der Tür, ein kleiner Junge von etwa zehn Jahren tapst ins verdunkelte Zimmer.

„Ich habe dich weinen gehört“, entschuldigt er sein plötzliches Auftauchen.

„Kannst du das Fenster aufmachen?“, frage ich ihn unvermittelt.

Kühle Luft strömt in den Raum, wie eine Welle überrollt sie mich. „Danke.“

In seinen Zügen ist die Neugier zu erkennen, während der Junge einen Stuhl an mein Bett schiebt und sich darauf setzt.

„Wie heisst du?“

Zwar bin ich müde, will eigentlich nur schlafen, aber mein Verstand verbietet es in diesem Moment. Wieso, weiss ich nicht. Aber ich weiss, dass es eine gute Entscheidung ist, die Müdigkeit nicht zu beachten.

„Victoria. Und du?“

Rasant weicht der wache Ausdruck aus dem Gesicht des Jungen. Nun erkenne ich Trauer, Wut und Angst zugleich.

„Ich kenne meinen Namen nicht. Das heisst, ich kenne ihn, aber er hört sich nicht richtig an. Amnesie.“

„Ein schönes Wort mit einer viel zu grässlichen Bedeutung“, murmle ich mit einem vielsagenden Unterton in der Stimme.

Um seine Augen erscheinen kleine Lachfältchen, die ich sogar in diesem Dämmerlicht erkennen kann. Auch er scheint meiner Meinung zu sein.

„Auch bei einem Autounfall passiert?“, starte ich einen Versuch, eine Gemeinsamkeit zwischen dem Jungen und mir zu finden.

„Irgendwelche Leute, die sich als meine Tante und mein Onkel ausgeben, haben mir das gesagt. Ich kann mich nicht daran erinnern“, stammelt der Junge.

Eine Weile schweigen wir beide. Dann mache ich eine Vorschlag: „Du brauchst einen Namen. Einen, der dir gefällt. Wie wäre es mit Gregory?“

„Ich möchte einen Namen, den sonst niemand hat“, gesteht der Junge, der aber von meiner Idee begeistert ist. Während er nach dem Schalter der Nachttischlampe sucht, kaut er auf seiner Unterlippe herum, bemerkt es offenbar nicht.

„Sansnom. Das ist Französisch und bedeutet…“

„…Ohnenamen.“

Eine Zahnlücke entblössend lächelt er.

„Du hast keine Beine mehr“, quittiert er meine Beinstummel, sobald er sie im Licht der Lampe erblickt. Unter der dünnen Bettdecke zeichnen sie sich gut sichtbar ab.

„Soll ich dich jetzt Sansjambe nennen?“

Grinsend schüttle ich den Kopf, denn mir reicht mein Name aus.

Zuvor habe ich noch eine lähmende Müdigkeit verspürt, doch diese ist vom Drang, mich zu bewegen, verdrängt worden.

„Wollen wir rausgehen?“, erkundige ich mich bei Sansnom. „Ich möchte die Sonne sehen.“

Respektvoll erwidert der Junge nichts, hilft mir wortlos in den Rollstuhl und legt mir den Kissenüberzug über die Beinstummel.

„Du benutzt ihn zum ersten Mal, habe ich Recht?“

Mit zusammengepressten Lippen nicke ich. Bis jetzt habe ich den Rollstuhl gescheut, jede Gelegenheit gemieden, ihn zu benutzen. Sogar, als meine Eltern hier gewesen sind.

In den Gängen herrscht geschäftiges Treiben, hier eine weinende Familie, dort ein erleichterter Ehemann. Wie eine Welle brechen die Geräusche über mich herein, ich glaube, ich ertrinke in den Emotionen.

Sansnom scheint mein Unwohlsein bemerkt zu haben, denn er beschleunigt seine Schritte und manövriert den Rollstuhl sehr geschickt um die Leute herum.

Endlich erreichen wir die Tür zum kleinen Park, der hinter dem Krankenhaus liegt und extra für die Patienten angelegt worden ist.

„Die Sonne freut sich, dass du kommst“, lächelt Sansnom, als er die strahlende Sonne am wolkenlosen Himmel erblickt. Ich schweige.

Begleitet vom Quietschen der Räder nähern wir uns einer Bank unter einem blühenden Baum. Ach ja, es ist Frühling. Das habe ich ganz vergessen in den farblosen Räumen des Hospitals.

Eine Weile sitzen wir beide nur da, er auf der Bank, ich zusammengesunken im Rollstuhl. Irgendwo hinter mir sagen einige Kinder Abzählreime auf.

„Kannst du beschreiben, wie der Unfall für dich war oder ist?“, stelle ich Sansnom dieselbe Frage, mit welcher der Arzt mich heute genervt hat.

„Vom Unfall weiss ich nichts mehr, da ist ein schwarzes Loch. Das ist gut so. Jetzt habe ich mehr Platz für schöne Erinnerungen danach. Und bei dir?“

Ich schliesse die Augen, versuche, meine Gefühle und Erinnerungsfetzen in angemessene Worte zu verpacken.

„Ungeheuerlich“, meine ich schliesslich, worauf ich einen erschrockenen Blick von Sansnom ernte.

„So schlimm?“

„Ungeheuerlich ist ein Wort mit vielen Bedeutungen. Einige darunter sind gut, andere sind es weniger. Das Wort ist so facettenreich wie der Zusammenstoss mit dem Lastwagen.“

Auffordernd hebt mein Gesprächspartner eine Augenbraue.

„Die schlechten Seiten muss ich nicht aufzählen, die kann jeder sehen, auch wenn er nicht in die Geschichte verwickelt ist. Deshalb nenne ich dir die guten.“

Erfolglos greife ich nach einem Stein, der neben meinem linken Rad liebt, bekomme ich aber erst beim vierten Versuch zu fassen.

„Siehst du den Stein? Er ist hart, aber nicht unzerstörbar. So wie ich. Der Unfall hat mich abgehärtet, ich werde in Zukunft kleine Probleme anders angehen, da ich weiss, es gibt Schlimmeres. Zumindest hoffe ich es.“

Als nächstes zeige ich auf den Baum hinter mir.

„Ich bin wie ein Baum. Zwar bin ich auch angebunden, aber ich wachse daran.“

Offensichtlich beginnt Sansnom zu verstehen, denn ein wissendes Lächeln umspielt seine Mundwinkel.

„Zudem bin ich wie die Sonne. Nach einem Absturz, einer kurzweiligen Dunkelzeit, werde ich wieder strahlen.

Ich bin wie der Stein, der Baum und die Sonne. Sie alle sind Teile der Welt, wie wir sie kennen. Die Welt ist ungeheuerlich.“

„Ich verstehe dennoch nicht ganz, wo dann die guten Seiten deines Unfalles sind. Immerhin hast du deine Beine verloren“, gesteht der Junge auf der Bank gedämpft. Auf der Suche nach passenden Ausdrücken fahre ich fort: „Vor der Unfall war ich laut, nahm wenig Rücksicht auf andere, auf meine Umwelt. Jetzt bin ich verändert, denn ich kann mich besser mit Dingen und Menschen identifizieren, mit denen ich zuvor nichts am Hut hatte. Das Unglück nehme ich als Warnung, ich glaube nämlich, dass, wäre ich weiterhin auf dem Weg in den Abgrund gewesen, den ich eingeschlagen hatte, noch viel Schlimmeres geschehen wäre. Für mich hat ein neuer Lebensabschnitt begonnen, in dem ich mich auf andere Art beweisen muss, als ich es früher musste. Mutig heisst für mich nicht mehr, über morsche Leitern hinweg auf die gegenüberliegende Seite einer Schlucht zu gelangen. Sondern, seine eigenen Fehler eingestehen zu können. Ich weiss, dass es nicht zum Unfall hätte kommen können, wenn ich meine Freundin nicht zum Alkohol gedrängt hätte.“

Einen Moment lang teilt mir Sansnom stumm seine Anteilnahme mit, dann fragt er mich zögernd: „Bist du tatsächlich schon so stark, wie du dich gibst, oder ist das dein Wunschbild von dir?“

Natürlich trifft er ins Schwarze.

„Wunschbild“, seufze ich, durchschaue mich selbst nun auch. „Hoffentlich einmal Wirklichkeit.“

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und dimmt deren Schein, ein kühler Wind setzt ein.

„Wir sollten in schützende Innere des Krankenhauses“, nehme ich Sansnom die Wörter aus dem Mund. Schon etwas zitternd schiebt er mich durch den Park.

„Du bist mutig“, meint Sansnom leise, als wir in meinem Zimmer angelangen. Kritisch blicke ich ihn an.

„Findest du?“

„Ja. Ich hoffe, du lebst dich gut ein in deinem neuen Leben.“

Ich werde es versuchen, will ich sagen, tue es aber nicht.

Durch das Quietschen der ungeölten Tür, die hinter dem Jungen ins Schloss fällt, schmerzlich an die letzten Sekunden vor meiner Bewusstlosigkeit erinnert, schliesse ich gequält die Augen.

Obwohl ich nur gesessen habe, ist mir beim Reden viel Energie entschwunden. Starr und missmutig liege ich in meinem Bett, bemüht, nicht zu weinen. Erneut betrachte ich das Weiss der Decke, bis mir irgendwann die Augen zufallen.

 

Die nächsten Tage ist Sansnom verschwunden, er besucht mich nicht und auch die Pflegerinnen wollen mir keinen Hinweis auf seinen Verbleib geben. Es dauert weitere drei Tage, dann erzählt mir eine Krankenpflegerin, dass Sansnom aus dem Krankenhaus entlassen worden ist und nun bei seiner Familie nach Bruchstücken seines Gedächtnisses sucht. In meinem Hals bildet sich ein Kloss, da ich den Jungen ins Herz geschlossen habe, auch wenn ich ihn so gut wie überhaupt nicht kenne. Denn er scheint mich besser zu kennen als ich.

Die nächste Pflegerin bringt mir das kartonähnliche Spitalessen, welches ich meist nur mit Müh und Not herunterbringe.

„Jemand hat für dich ein Päckchen abgegeben“, begrüsst die Pflegerin mich herzlich, dann überreicht sie mir das Paket, das unter ihrem Arm geklemmt hat.

In der Schachtel, zwischen vielen zusammengeknüllten Küchenpapieren, finde ich einen Ast, einen Stein und ein Marmeladenglas, auf dessen Etikette „Sonnenschein“ steht. Dazu ein Brief.

Etwas enttäuscht über den für sie nichtssagenden Inhalt verlässt die Krankenschwester mein Zimmer wieder, nachdem sie die dampfenden Ravioli auf meinem Nachttisch deponiert hat.

Lächelnd öffne ich den Briefumschlag, gespannt, was darin verborgen ist.

Klein, aber nicht unlesbar, ist die Schrift, die Sansnom für die Liste gewählt hat. Zuoberst steht „Ungeheuerlich“, dann diverse Synonyme und Bedeutungen des Wortes. Viele davon sind grün angestrichen. Darunter aussergewöhnlich, fantastisch, unbegreiflich und unglaublich. Ganz zuunterst auf der Seite steht noch ein Satz: Weil ich dir nicht ganz geglaubt habe, habe ich ungeheuerlich einmal nachgeschlagen, das Wort passt wirklich phänomenal zu dir.

Kein Name, wie er eben ist. Namenlos.

Von der unerwarteten Post berührt wende ich das Blatt. Auch die Rückseite ist mit wenigen Worten beschrieben:

Auch auf dem Weg des Abgrunds kann man umkehren. Auch ohne Beine.

Aber mit einer helfenden Hand, danke ich ihm stumm.