Das Kind aus Glas


Dieser Text wurde von der Jugendzeitschrift "Tango" abgedruckt.

Glas. So schön es ist, so schnell zerbricht es auch. Dann tauchen die scharfen Seiten dieses klaren Gutes auf.

So musste auch ich dies erfahren, als ich noch jünger gewesen war, mein Gesicht noch von der Unschuld gezeichnet. Wissbegierde in den Augen.

Ich muss oft an jenen Tag in meiner Vergangenheit zurück denken, der wie ein düsteres Feld in meinem geistigen Kalender prangt.

An diesem Tag traf ich auf das Kind aus Glas.

Der Nachmittag war erschreckend kühl und windig für den Frühling, die Zeit des Neuanfanges. Die Blumen neigten ihre Köpfe im Rhythmus der kühlen Böen, die über das Land zogen.

Nicht nur der Wind war unterwegs, nein, auch ein Spielmann zog es an diesem Sonntag zu uns ins Dorf, einen alten, beinahe blinden Gaul vor seinen vollen Karren gespannt. Mitten in diesem Krempel, den man eigentlich nur noch entsorgen sollte, kauerte eine kleine Gestalt, helles Haar flatterte um sein Köpfchen herum.

Neugierig, wie alle Kinder sind, rannten einige Nachbarstöchter und ich freudig japsend um den abgestellten Karren auf unserem Dorfplatz. Die Hoffnung auf Süssigkeiten oder eine kleine Gauklervorstellung versetzte uns in himmlische Aufregung, denn diese Gelegenheiten kamen viel zu selten vor.

Der Mann packte verschiedene Kisten und Beutel von seinem Wagen, holte eine Taube aus einem und liess sie fliegen, hinein in das verhangene Grau des Wolkenzeltes. Wie eine einzelne weisse Schneeflocke zog sie davon.

Nun hob der Mann das Kind von seinem Platz zwischen den Utensilien und setzte es auf eine Holzkiste. Es wirkte beinahe wie ein Puppe, wie es da sass, starr und freundlich lächelnd auf einmal. Weder seinen Namen sagte es, noch erkundigte es sich nach den unseren.

Schliesslich hielt ich es nicht mehr aus und fragte es.

„Ich bin das Kind aus Glas“, antwortete es leise, womit es unser Interesse nur noch weiter erregte.

Einige Mädchen begannen zu singen, trällerten ein Lied, mit dem Namen als Text. Als sie dann aber bemerkten, dass das Kind auf der Kiste keinen Laut mehr von sich gab, verschwanden sie enttäuscht zwischen den Häusern. Nur ich blieb. So kniete ich vor der Kiste mit dem Kind, welches sich noch immer nicht gerührt hatte.

„Was ist mit dir los?“, stocherte ich in offensichtlich offenen Wunden herum. Schmerzlich verzog das Kind das Gesicht, meinte dann aber: „Ich habe es schon gesagt. Ich bin aus Glas.“

Mir erschien es langsam, als wäre dieser Blondschopf gänzlich verwirrt, sprach das aber natürlich nicht aus.

Eine Weile ruhte ich noch neben dem unbeweglichen Kind, suchte Ähnlichkeiten mit den Glasperlen, die uns der letzte Wandersmann verkauft hatte. Auch ich trug eine solche an einer Schnur um meinen Hals. Falls das möglich ist, glaubte ich sogar, in dem Schweigen eine Freundschaft zu diesem seltsamen Kind geschlossen zu haben. Sobald die Dämmerung über uns hereinbrach, verabschiedet ich mich höflich, wohlerzogen, wie ich war. Das letzte Wort des Glaskindes sollte sein letztes für immer sein.

 

Am nächsten Tag hatten wir eine Beerdigung zu besuchen. Eigentlich ging nur ich hin. Und der Handelsmann mit dem vollbepackten Karren. Das Grab des Verstorbenen war schnell ausgehoben worden, weder tief noch sonderlich rechteckig. Mehr wie ein Fuchsloch in der Wiese.

Der Sarg war aus Glas, welches das Weiss der Wolken reflektierte. Schwach erkannte ich das regungslose Gesicht des Kindes aus Glas im Inneren des Sarges.

„Es ist zerbrochen“, schniefte der Mann neben mir und das war da Letzte, was ich von ihm hörte. Er verliess den Friedhof und ward nie mehr gewesen.

Lange Zeit kehrte ich wöchentlich zum Grab des Glaskindes zurück, nur, um mich jedes Mal zu fragen, ob es Freunde hatte, eine Mutter, Geschwister. Oder woran es zerbrochen war.

Bis heute habe ich es nicht herausgefunden.